"Und manchmal musst du stehen bleiben"

Veröffentlicht am 27. April 2026 um 23:58

"Wann sind wir so geworden?"

Manchmal kommt man im Leben an einen Punkt, an dem man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Kein Wunder – in dieser verrückten Welt.

Ich war immer die Vernünftige, die Liebenswerte, die Hilfsbereite. So bin ich aufgewachsen: Sag nie „Nein“. Hilf, wo du kannst. Sei der Mensch, dem du selbst gern begegnen würdest. Verurteile niemanden, wenn du nicht weißt, was er gerade durchmacht.

Diese Werte haben mir Empathie geschenkt – und ein gutes Herz. Doch irgendwann kam die Zeit der Medien, die neue Gesellschaft, die Schubladen-Denker. Menschen, die alles in Kategorien pressen müssen.

Zeigst du dich selbstbewusst und sexy, giltst du als leicht zu haben.
Zeigst du dich zurückhaltend, bist du prüde.
Glaubst du an Treue und Liebe, nennt man dich naiv.
Lebst du dich aus, bist du "zu viel".

In einer Welt, in der „toxisch“ zum Trendwort und „Freiheit“ zum Vorwand geworden ist, scheint es fast unmöglich, sich selbst noch zu finden.

Worüber definieren wir uns eigentlich? Über Follower-Zahlen, Likes und unseren Snapchat-Score? Welche Bilder wir posten, bestimmt, wer wir sein sollen. Ich habe angefangen, dieses Phänomen zu beobachten – und ich bin immer noch dabei, es zu verstehen.

Ich bin sprachlos über unsere Art zu kommunizieren. Über das, was aus Beziehungen geworden ist.
Ich verstehe mittlerweile, warum so viele Menschen allein bleiben.

Man lernt sich kennen, aber verliert sich in einer endlosen Kennenlernphase. Niemand weiß mehr, was er eigentlich will.
Früher gab es keine Likes, Snaps oder „Er hat meine Story gesehen“. Es gab einen Anruf nach der Arbeit oder eine SMS – und die war teuer, also meinte man, was man schrieb.

Heute ist alles verfügbar, austauschbar. Ersatz liegt nur einen Wisch entfernt. Und während wir nach „100 Prozent“ suchen, verlieren wir uns selbst – und mit uns die Menschlichkeit, den Respekt, den Anstand.

Wir wollen gesehen, begehrt, geliebt werden – aber sind kaum bereit, selbst etwas zu geben.

Es ist die Zeit von:
„Lass uns was Lockeres haben – aber bitte date niemand anderen.“
Wir wollen Nähe, aber keine Verantwortung. Wir haben Angst, etwas zu verpassen, und bemerken nicht, dass wir dabei jedes Mal ein Stück von uns verlieren.

Jede Begegnung verändert uns – positiv oder negativ. Doch wenn wir wie Bienen von Blüte zu Blüte fliegen, werden wir irgendwann zu Fliegen, die vergessen haben, was sie eigentlich suchen.

Wir verlieren den Blick für das Echte – für ein Lächeln, eine Stimme, eine Umarmung.
Stattdessen zählen wir Flammen auf Snapchat und jagen Likes, als wäre das Liebe.

Wann sind wir so geworden?
Wann haben wir angefangen, echten Gefühlen aus dem Weg zu gehen?
Wir flüchten in eine Scheinwelt aus Filtern, Chats und Illusionen – und lassen die Menschen vorbeiziehen, die uns wirklich sehen könnten.

Was macht dich glücklich?
Was willst du wirklich sein?

Nach all dem Beobachten ist mir eines klar geworden: Die beste Zeit entsteht, wenn wir ehrlich fühlen – mit Menschen, die uns bewegen. Nicht für eine Nacht oder ein paar Tage, sondern mit denen, die sich nach Zuhause anfühlen.

Ja, es gibt immer das Risiko, verletzt zu werden. Aber das ist der Preis für echte Liebe – und er ist es wert.

Wir haben nur dieses eine Leben. Und Zeit ist das wertvollste Gut, das wir besitzen.
Gib ihr Sinn.
Verschwende sie nicht für Menschen, die dich nur sehen, wenn du leuchtest – aber nicht, wenn du flackerst.

Trau dich, dein wahres Ich zu zeigen.
Du bist niemals zu viel, zu wenig, zu groß oder zu anstrengend – für den richtigen Menschen.

Für diesen einen wirst du immer die Lieblingsfarbe sein.
Egal, wie bunt, dunkel, grell oder zart du bist.

Wie geht’s euch damit?
Ich freue mich auf eure Gedanken.

Eure
Ornella